Headlinebild

Kleine Revolution aus den den 50ern: der Volkswagen EA 48

Da wandeln sie durch die Ausstellung, die Besucher des AutoMuseums Volkswagen in Wolfsburg-Heßlingen, und bestaunen all die aufregenden Exponate. Den See-Golf mit den hochklappbaren Schwimmpontons. Den Touareg mit Raupenantrieb. Oder den Käfer mit Korbgeflecht-Karosserie. Doch das winzige, schieferfarbene Wägelchen mit der seitenfensterlosen Heckpartie, das beinahe traurig aus seinen Rundscheinwerfern blinzelt, registrieren sie kaum. Wenn sie wüssten ...

Der wahre Wert dieses unscheinbar anmutenden Mobils erschließt sich am ehesten dem historisch bewanderten Technik-Spezialisten – und auch diesem erst mittels eines Ausflugs unters Blechkleid. Dort findet er zwar nicht viel mehr als einige konstruktive Standards, die bei heutigen Kompaktklässlern selbstverständlich sind. Doch wenn das Entstehungsjahr dieses Fahrzeugs ins Spiel kommt, wandeln sich jene Standards zu bedeutenden Innovationen der Automobilhistorie: Erdacht wurde es vor fast 60 Jahren.

 

EA 48, so der sachliche Name der Studie, stellt nicht nur die erste Wolfsburger Kleinwagenkonstruktion dar, sondern das erste von Volkswagen vollständig selbst entwickelte Fahrzeug überhaupt – alle vormaligen Typen, begonnen mit dem Käfer, waren entweder Porsche-Kreationen oder deren Derivate gewesen. Warum "Entwicklungsauftrag 48" nicht zum Serienmodell werden durfte, für das die Verkaufsbezeichnung VW 600 im Raum stand? Die Antwort auf diese Frage ist nicht weniger spannend als die nach seiner bemerkenswerten Technik. Vorhang auf für die Geschichte von Anfang an.

Gestern die Zukunft:

Der Volkswagen EA 48 wurde 1955 vorgestellt - und erstaunte die Fachwelt mit progressivem Design und zukunftweisender Technologie. Ein fotografisches Portrait.

 

Sie beginnt im Sommer 1953. Mit den ersten Gedanken um einen Volkswagen unterhalb des Volkswagens – einen kleinen Käfer-Bruder. Die Initialzündung hierfür erfolgt durch den Entwicklungsingenieur Heinrich Seibt, der gerade von der Marke Gutbrod nach Wolfsburg gekommen ist. Seibt weiß sehr genau, wie ein moderner Kleinwagen aussehen könnte: Bei Gutbrod – der chronisch unterfinanzierte Hersteller aus dem schwäbischen Plochingen hatte gerade Insolvenz angemeldet – war er maßgeblich am Superior beteiligt gewesen. Und der gilt zu jener Zeit als der weitaus fortschrittlichste deutsche Vertreter der Kleinwagen-Spezies.

 

Als zweiten Mann für das Projekt EA 48, das offiziell am 1. Oktober 1953 startet, rekrutiert Seibt den Ingenieur Gustav Mayer, der kurz zuvor bei den Ford-Werken in Köln abgeworben worden ist. Auch Mayer kann respektable Referenzen in der kleinsten automobilen Klasse aufweisen – etwa baute er bereits 1947, im Alter von nur 22 Jahren, für sich selbst einen winzigen Roadster mit dem 0,8-Liter-Triebwerk eines BMW-Motorrades. Anno 2011, mit 86 Jahren, erinnert er sich noch genau an die Entstehung des EA 48.

 

"Durch den Ursprung im Hause Porsche und ihren großen Markterfolg war die Käfer-Konstruktion bei Volkswagen regelrecht dogmatisiert", erzählt Gustav Mayer. "Abweichende Konzepte wurden höchst kritisch beäugt." Damit meint er vor allem die Buglage des Motors sowie dessen Wirken auf die Vorderräder – der Frontantrieb des EA 48 stellt nicht weniger als das exakte Gegenteil des damals gewohnten Volkswagen-Layouts dar. Immerhin versprüht das Triebwerk selbst ein wenig Wolfsburger Stallgeruch: Der luftgekühlte Zweizylinder-Boxer, der sich zum Jahreswechsel 1953/54 gegen die Alternativen – Reihenzweizylinder längs, Zweizylinder-Twin quer – durchsetzt, ist schon auf den ersten Blick als halbiertes Käfer-Herz erkennbar.