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Gedacht, getextet, gedruckt: 35 Jahre lang schrieb Bertel Schmitt Texte für Volkswagen Prospekte

Das Telefon klingelt mit Doppelton, auch die japanische Stimme am anderen Ende klingt ungewohnt. Dann ist Bertel Schmitt persönlich dran: Jahrgang 1949, Wahlheimat Tokio, bis 2007 prägte er den Schreibstil von Volkswagen mit.

Bertel Schmitt war Texter, dann Creative Director und schließlich Geschäftsführer der Werbeagentur GGK Düsseldorf. Später Executive Vice President bei Lois, Pitts, Gershon, Pon/GGK, New York sowie Geschäftsführender Partner von Graf, Bertel, Buczek, New York und Düsseldorf. Er betreute von 1973 bis 2007 Volkswagen: Als Copywriter prägten er und seine Mitarbeiter über Jahrzehnte den typischen Volkswagen Ton in Katalogen und Prospekten. Wie er seine Prospekte jüngst im Museum wiederfand und warum einem guten Texter Autos am besten völlig schnuppe sein sollten, verrät er im Interview.

 

Herr Schmitt, Sie haben rund 35 Jahre Volkswagen Copytexte* geschrieben. Wie passiert so etwas?

Bertel Schmitt: Aus Zufall. Ein befreundeter Düsseldorfer Creative Director fragte mich, den Journalisten, ob ich bei einem Job einspringen könnte. Habe ich getan. Und dann sollte ich bei GGK gleich einen Festvertrag unterschreiben. Das Geld stimmte, also war ich mit im Boot.

 

Sind Sie Autofan, war der Volkswagen Job aufregend für Sie?

Schmitt: Ich, Autofan? Überhaupt nicht, null. Bei mir ist immer das Auto das Beste, was auf meinem Schreibtisch zum Betexten liegt. Vier Zylinder – toll, fünf Zylinder – besser als vier Zylinder, Dieselmotor – wunderbar, Wasserkühlung – ganz famos!

 

Wie ernüchternd ...

Schmitt: Jein. Ich sehe das so: Wenn Sie Autos wirklich gut bewerben wollen, dürfen Sie niemanden nehmen, der davon zu viel Ahnung hat. Oder sogar Enthusiast ist. Distanz wahren, neutral bleiben – das ist in meinen Augen das Erfolgsrezept. So gesehen war ich perfekt für den Job, weil ich null Ahnung von Autos hatte.

Texter Bertel Schmitt:

Seine Texte prägten Volkswagen Anzeigen- und Prospekte

Wolfsburger Weltpremiere:

Der allererste Golf, der allererste Katalog

 

 
Wie waren dann die Probefahrten in Wolfsburg mit dem brandneuen, geheimen Golf?

Schmitt: Wunderbar. Ich hatte nichts zu tun. In den ersten sieben Jahren hatte ich nicht einmal einen Führerschein. Und danach nur einen amerikanischen. Herr Plamböck von der damaligen Zentralen Absatzförderung fuhr, und ich fragte nach seinen Fahreindrücken.

 

An welches Projekt für Volkswagen erinnern Sie sich besonders?

Schmitt: Mein erstes Plakat für Volkswagen war ein auf eine Jeans gestickter Käfer. Das war der Hauptverdienst des Golf: Er erlaubte, dass der Käfer bunter, menschlicher werden durfte. Man könnte es vielleicht so sagen: die geduldete Entehrung des bierernsten Käfers.

 

Wie ist Ihre Agentur an den Job herangegangen, den ersten Golf-Prospekt zu konzipieren?

Schmitt: Art Director und Texter setzten sich zusammen, Scribbles entstanden, die wichtige Struktur und Abfolge der Seiten wurden festgelegt, dann machte jeder seinen Job. In unserem Falle ging es vor allem darum, die wichtigen Fakten des Hoffnungsträgers Golf klar zu transportieren.

 

So, wie Sie das schildern, klingt es nicht nach sonderlich viel Stress?

Schmitt: Als ich anfing, hieß es: „In der Werbung ist es stressig!" Ich empfand es aber nicht so. Das Schreiben machte mir viel Spaß, nur die darauf folgende Abstimmung mit den Technikern war aus Sicht des Texters etwas zäh, aber natürlich unvermeidbar. Da gab es immer Ergänzungswünsche: Dies fehle, das war falsch, das müsse noch mit hinein ...

 

Und der Golf selbst, wie sind Sie dem begegnet? Wie war die Stimmung in Wolfsburg?

Schmitt: Wie gesagt – als Werber musste mir das Auto weitgehend egal sein. Entscheidend war: Ich hatte einen guten Job zu machen! Und in Wolfsburg haben viele gezittert, ob der Golf ein Erfolg würde. „Auf diesem Auto ruht kein Segen!", meinten sogar einige, wie ich hörte. Dabei hat es dann auf Anhieb geklappt! Der sparsame Golf erschien „passend" zur so-genannten Ölkrise. Wir dachten ja damals alle, demnächst fahren wir nur noch Fahrrad ...