Coches en Cuba

Automobiles Kulturgut in der Karibik: ein persönlicher Reisebericht aus Kuba

Kuba ist spannend und voller Gegensätze, wunderschön und trist zugleich, aber vor allem ist dieses Land eines: bunt. Farben bestimmen die Städte, die Kleidung, die Landschaft – und das Straßenbild. Legendär sind die Autos, die auf kubanischen Straßen unterwegs sind. Und wie kaum in einem anderen Land sind klassische Fahrzeuge ein elementarer und zudem farbenfroher Bestandteil des Gesamtbildes.

Auf zahlreichen Souvenirs sind die bunten Klassiker zu finden, mindestens einen der Straßenkreuzer fotografiert jeder Tourist, Oldtimer-Touren sind ein florierender Geschäftszweig. Für Liebhaber von automobilen Klassikern ist Kuba ein echtes Eldorado. Und wenn eine Volkswagen Classic Redakteurin dort Urlaub macht, gerät das Zücken der Kamera fast zum Primär-Reflex. In drei Wochen kommt so einiges an automobilem Bildmaterial zusammen, darunter glücklicherweise auch einige Käfer, Golf & Co. Und warum sollten diese bunten Reiseimpressionen in der Schublade verschwinden, wenn man sie hier mit anderen Klassiker-Interessierten teilen kann?

Von Käfer bis Karmann Ghia, von Chevrolet bis Pferdekutsche: Impressionen der Mobilität auf kubanische Art

 

 

 

 

Morbider Charme und Zeitreise.

Kuba ist speziell, in weiten Teilen scheint die Zeit in diesem Land stehen geblieben zu sein. Kulturelle Blüte, mondäne Zeiten, Diktatur, Revolution, Embargo und schließlich Sozialismus seit fast 60 Jahren schufen auf dieser Karibikinsel einen einzigartigen Mikrokosmos. Der morbide Charme einer eigentlich vergangenen, aber dort noch existierenden Welt macht für die meisten Touristen die Attraktion dieses Landes aus. Für die Menschen Kubas ist es vielfach bittere Lebensrealität. 

 

Die für Kuba so bezeichnende Gegenwärtigkeit der Vergangenheit spiegelt sich besonders plakativ im Straßenbild wider. Und so fühlt man sich bei der Ankunft in Kuba wie ein Zeitreisender. Bereits an der ersten großen Kreuzung in Havanna der erste Aha-Moment: Alle Fahrzeuge, unser Taxi ausgenommen, sind frühestens aus den Achtzigern. Amerikanische Straßenkreuzer wie Chevrolet und Cadillac der Fünfzigerjahre fahren neben russischen Lada und Moskwitsch, der eine oder andere Wartburg aus DDR-Zeiten stänkert dazwischen herum. Vier Jahrzehnte Automobilgeschichte, West und Ost, politische Gegenpole – auf Kuba friedlich nebeneinander knatternd vereint. Was wie eine Oldtimer-Veranstaltung anmutet, ist kubanischer Alltag. 

 

Zwischen Kindheitserinnerungen, Abgasen und Gauchos.

Moderne Fahrzeuge, zumeist Taxen oder Mietwagen, wirken zuweilen wie Störfaktoren. Vor allem, wenn man gerade einen Käfer oder frühen Golf entdeckt und ihn ablichten will. Im Laufe der Reise gewöhnt man sich daran, dass Fahrzeuge der 1940er- bis 1980er-Jahre das Straßenbild prägen. Auch die abgasgeschwängerte Luft in den Städten versetzt uns immer wieder Jahrzehnte zurück. Wir fahren einige Male Taxi – in alten Lada, die uns nicht nur durch sehenswerte Gegenden kutschieren, sondern auch ohne Umwege direkt in die Kindheit katapultieren. Nach 300 heißen Kilometern zu sechst in einem altersschwachen Ford aus den 1950er-Jahren wünscht man sich allerdings definitiv zurück in die Zukunft. Vorbeiziehende Reisende im 30 Jahre jüngeren Jetta lösen bereits Neid aus.

 

Wenn sich dann aber zum Beispiel im blütenbunten Städtchen Viñales amerikanische, russische und deutsche Klassiker die maroden Straßen mit röhrenden Vehikeln Marke Eigenbau, Zigarre paffende Bauern auf Ochsen-Karren, orientierungslosen Touristen in modernen Mietwagen, lässigen Teenagern in wendigen Mini-Pferdekutschen, lautlos schnurrenden Elektrorollern und stolzen Gauchos auf rassiger Pferdestärke teilen, dann hüpft das Herz des Reisenden doch sehr. Das ist bunt, das ist Kuba!

 

Sozialistische Luxusgüter.

Was aus Touristen-Sicht wie ein rollendes Freiluftmuseum anmutet, ist letztlich ein Ergebnis Fidel Castros restriktiver Politik. Der Revolution und kommunistischen Machtübernahme im Jahr 1959 folgten der Abbruch vieler Beziehungen zu westlichen Ländern und die Handelsblockade der USA. Castro verbot weitgehend den freien Autohandel. Die Neuwagen, die nach 1959 in Kuba eingeführt wurden, gingen vom Staat nur als „Prämien" an Regierungsbeamte oder Ärzte. Vorzugsweise wurden Modelle aus dem Ostblock wie Lada und Moskwitsch, später auch aus China eingeführt. Aber auch einige wenige westeuropäische Modelle, vor allem aus Deutschland und Frankreich, fanden den Weg auf die Insel. So lieferte Volkswagen de México zum Beispiel Käfer und Kombi sowie Jetta und Golf (vorwiegend als Taxen) in Kleinstmengen nach Kuba. Asiatische Marken nahmen im Laufe der letzten Jahrzehnte stark zu. 

 

Privater Handel mit Fahrzeugen ab Baujahr 1959 blieb in Kuba bis 2012 verboten. Dies erklärt, warum besonders viele amerikanische Klassiker der 1940er- und 1950er-Jahre auf den Straßen anzutreffen sind. Mit allen Mitteln werden sie am Leben erhalten, zwischen 40.000 und 50.000 dieser Fahrzeuge sollen noch auf Kubas Straßen im Einsatz sein. Die Fahrzeuge, die wir zu sehen bekommen, haben mitunter musealen Charakter oder wirken aufgrund der vielen Spachtelmasse und fahrzeugübergreifenden oder artfremden Ersatzteile wie fahrende Skulpturen. Ohne kreative Schrauber und gute Netzwerke könnten die Fahrzeuge im sozialistischen Kuba nicht am Leben erhalten werden. Und auch nicht ohne finanzielle Hilfen von Familienmitgliedern im Ausland. Autos sind in Kuba echter Luxus. 2014 kamen auf 1.000 Einwohner lediglich 21 Fahrzeuge, im Vergleich dazu waren es in Deutschland 531. Für viele sind die teuren Klassiker aber auch die Haupteinnahmequelle der ganzen Familie.

 

 

Taxi statt Praxis: Einnahmequelle Tourismus.

Wie für Hermès, mit dem wir eine Oldtimer-Tour machen. In einem Mercury Montclair Cabriolet von 1956 cruisen wir durch Havanna. Während der Tour erzählt Hermès von den Schwierigkeiten des kubanischen automobilen Alltags. Über Freunde und nur dank einiger Familienmitglieder in Miami konnte er den Straßenkreuzer für stattliche 36.000 CUC (Peso Convertible, entspricht 36.000 US-Dollar) kaufen. Bei einem durchschnittlichen kubanischen Monatseinkommen von 20 bis 30 CUC enorm viel Geld. Ersatzteile sind schwer zu bekommen, die Instandhaltung und der Sprit sind teuer. Ein kostspieliges Unterfangen also, dennoch lebt Hermès' Familie gut davon, denn mit den Touristen und seinem Oldtimer nimmt er innerhalb von zwei Stunden mehr als das Monatseinkommen eines Arztes ein. 

 

Das kubanische Straßenbild verjüngt sich seit Kurzem – langsam. Seit 2014 gibt es auch Neuwagen auf dem freien Markt. Doch betragen die Neuwagenpreise ein Mehrfaches der in Europa oder USA üblichen Preise. So bleibt die automobile Revolution in Kuba erst einmal aus – und ein Neuwagen für die meisten Kubaner pure Utopie. Die Klassiker werden das Straßenbild Kubas auch weiterhin prägen. Außerdem sind sie ja mittlerweile durchaus kubanisches Kulturgut.