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Ein Hausbesuch bei Maestro Giorgetto Giugiaro in Turin

Leise kratzt der Stift über den großen Papierbogen. Mal fliegen die Hände, mal verharren sie skribbelnd auf der Stelle. Die Augen folgen dabei dem ausführenden Arm, nach wenigen Sekunden ist der Welterfolg aus Wolfsburg fertig: Ein Golf I, unverkennbar, wirkt zweidimensional auf uns Betrachter. Giorgetto Giugiaro lächelt fein: Er kann es noch immer. Ist auch irgendwie ein kleiner Liebling von ihm, der Golf I.

Wir können es ihm nicht verdenken. Hier, im Herzen der Schaltzentrale von Italdesign Giugiaro, seines 1968 gegründeten Designunternehmens, hat er für das Online-Magazin von Volkswagen Classic noch einmal den Stift in die Hand genommen. Während draußen milde 21 Grad zum Espresso-Trinken auf den Boulevards Turins einladen, erzählt Giugiaro davon, wie er 1970 quasi über Nacht zum Gestalter der neuen Formensprache von Volkswagen avancierte. Charismatisch ist er, spricht lebendig mit seinen Händen, und das Erzählen über „seinen" Golf lässt Giorgetto Giugiaro strahlen. Bei solch spannenden Geschichten trinken wir den Espresso gerne drinnen – und mit ihm: dem Mann, der die Gestalt des Golf erfand.

 

Signore Giugiaro, wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Volkswagen, damals Anfang der Siebziger Jahre?

Giorgetto Giugiaro: Das war recht interessant: Kurt Lotz, damaliger Vorstand von Volkswagen, besuchte 1969 gemeinsam mit Vorstandskollegen und dem italienischen Volkswagen Generalimporteur den Turiner Autosalon. Die Delegation betrachtete sehr, sehr aufmerksam das, was dort ausgestellt war, und erstellte anschließend eine Liste mit sechs Fahrzeugen, die ihnen am besten gefallen hatten. Die kamen jeweils von verschiedenen Herstellern – aber vier von diesen sechs Autos hatte ich entworfen! Also hieß es: „Vier der Favoriten sind von einer Person designt? Den wollen wir!" Tage später klingelte mein Telefon in meiner damals jungen Firma Italdesign. Der mit mir bekannte italienische Generalimporteur war dran und sagte: „Die wollen, dass du nach Wolfsburg kommst!" Also fuhr ich im Januar 1970 dorthin.
 

Und was erwartete Sie dort?

Giugiaro: Nun, Kurt Lotz kam ziemlich schnell auf den Punkt: „Wir wollen, dass Sie uns einen Nachfolger für den Käfer zeichnen. Und wir sind zufrieden, wenn das Platzangebot im Innenraum ungefähr dem des Käfers entspricht." Sie zeigten mir Skizzen und Schemata, schließlich sprachen sie über das Projekt einer ganzen Modellfamilie und fragten, ob ich bereit wäre – und ich war äußerst glücklich über diese Chance!

Willkommen bei Italdesign:

Zu Besuch bei Design-Koryphäe Giorgetto Giugiaro

 
Hatten Sie mit Ihrem ersten Entwurf für Volkswagen, dem Passat von 1973, bereits die Linie für die neue Generation definiert?

Giugiaro: Ja! Denn sie wollten eine Fahrzeugfamilie mit einer Architektur, die klar zu erkennen sein sollte – vom kleineren bis zu einem größeren Auto. Angefangen hat das ganze Projekt dann mit dem Passat, genau genommen mit meinem Schrägheck-Entwurf des EA 272. Als Rudolf Leiding dann Kurt Lotz als Vorstandsvorsitzender folgte, stoppte man aus Kostengründen zwar den EA 272, ich übertrug aber dessen charakteristische Merkmale auf das Audi 80-Derivat Passat I.
 

Wer hatte damals die Idee zum "Package Golf"?

Giugiaro: Eindeutig Volkswagen, das neue Massenauto sollte ein moderner Kompakter mit Heckklappe sein – eben variabel, dem neuen Trend entsprechend. Das hat man bei Volkswagen damals richtig erkannt.
 

Gab es konstruktive Vorgaben: Radstand? Außenlänge? Breite?

Giugiaro: Ja, es war im Prinzip alles Wesentliche bereits vorgegeben: Two-Box-Design, die klassischen Abmessungen wie Radstand, Gesamtlänge, Breite, in etwa auch die Höhe, selbst die Innenraummaße sowie die Motoren standen fest.
 

War der Golf von Anfang an als Vier- und Zweitürer geplant? Und welchen der beiden mögen Sie lieber?

Giugiaro: Es gab Planungen für den Golf als Zwei- und Viertürer von Anfang an. Und wissen Sie was? Der auch noch praktischere Viertürer gefiel mir immer besser als der Zweitürer. Der Viertürer hat einfach die stärkeren Golf Charakteristika.