Eine Perle aus dem Pott

Ein Hauch von Florida in Nordrhein-Westfalen: der Polo I der Familie Krause

Hausbesuch in Essen. Wir müssen gar nicht nach der korrekten Hausnummer Ausschau halten, der Protagonist weist uns den Weg: Miamiblau strahlt er uns schon von Weitem entgegen, der Kleine. Die Chromteile des frühen Polo blitzen in der Sonne. Eine Begrüßung nach unserem Geschmack.

Sofort inspizieren wir das gute Stück: Der filigrane Wolfsburger ist top in Schuss – fast vierzig und quasi faltenfrei. Respekt. Es scheint fast alles original zu sein. Wie auch das bildstarke Magazin auf der Hutablage, ein Playboy aus dem Monat der Erstzulassung: Oktober 1977. Selbst das Cover passt farblich perfekt zum Fahrzeug, als hätten sich die Herausgeber seinerzeit von ihm inspirieren lassen. Nur die Pirelli-Felgen und die Tieferlegung zeigen, dass hier doch Hand angelegt wurde.

 

"Eine kleine feine Keksdose, oder?", begrüßt uns Andreas Krause strahlend. Dass der Polo L auf den ersten Blick fast wie ein Neufahrzeug ausschaut, kommt nicht von ungefähr. Er ist ein gut gehüteter Familienschatz – und bei Andreas Krause erst in zweiter Hand. 

Klein, blau und auffallend gut: der Polo I L von 1977 von Andreas Krause

 

Seine Großeltern kauften einst den Kleinen, strapazierten ihn wenig und seit seiner Erstzulassung am 13.10.1977 parkte der Polo ausnahmslos in einer gut gelüfteten, trockenen Tiefgarage. Und in seinen knapp 20 großelterlichen Jahren hat der Miamiblaue es mit Einkaufsfahrten und wenigen Reisen gerade einmal auf eine Laufleistung von übersichtlichen 32.000 Kilometern gebracht.

 

"Das kleine Motörchen, alles so zierlich – meine 0,9-Liter-Nähmaschine!"

Andreas Krause erinnert sich, dass er den Polo Mitte der Achtziger bei einem Besuch bei den Großeltern in Düsseldorf erstmals richtig wahrnahm – und ihn seither toll fand. Nach dem Tod des Großvaters wurde es dann allerdings still um den Polo, er wurde kaum noch bewegt. 1992 durfte der Enkel dann Großmutters Polo für einige Wochen fahren, denn der eigene Corrado G60 war zu dieser Zeit gerade im Umbau – ein echtes Gegenprogramm. "Von 160 auf 40 PS, das war krass. Man kam sich erst einmal sehr entschleunigt vor. Das kleine Motörchen, alles so zierlich – meine 0,9-Liter-Nähmaschine! Aber in der Zeit habe ich mich definitiv verguckt in den Kleinen", erinnert sich Andreas Krause mit einem breiten Grinsen. Und als ihm die Großmutter 1999 anbietet, den Polo zu übernehmen, muss der Enkel keine Sekunde lang überlegen.

 

 

Garagenkind mit H.

Dass der Wagen weiterhin so original wie möglich bleibt, ist Andreas Krause wichtig. Mit Blick auf die Felgen räumt er allerdings lachend ein: "Ich wollte nichts verschlimmbessern, aber ein bisschen sportlicher wollte ich ihn doch machen. Wenigstens die 14-Zoll-Pirelli-GTI-Felgen mussten sein – immerhin auch original." Der Innenraum hat fast Neuwagenzustand. Damit der Kleine auch weiterhin so ein Schmuckstück bleibt, wird er natürlich gepflegt, ist ein Garagenkind und das H-Kennzeichen schnuppert vorzugsweise bei schönem Wetter Frischluft. 

 

 

Frische Beziehungskiste.

Und auch sonst schont Andreas Krause die kleine Familienkiste: Lediglich 20.000 Kilometer sind bis 2016 hinzugekommen. Mit nur 52.000 Kilometern auf der Uhr in knapp 40 Jahren zeigt sich der Polo L also äußerst frisch. "Das soll er auch bleiben. Mein zehnjähriger Sohn hat auch schon erkannt, dass so ein Polo etwas Besonderes ist – und hat bereits angemeldet, dass er ihn einmal haben will." Also kommt ein Verkauf für Andreas Krause nicht in Frage? Er schaut uns mit großen Augen an und schüttelt leicht verwundert den Kopf: "Egal, was man mir bietet, den verkaufe ich nie. Da hängt einfach zu viel Herzblut dran!" Gut, wir ziehen die Frage zurück. Andreas Krause streicht liebevoll über die in der Abendsonne glänzende Dachchromleiste: "Wenn ich einmal nicht mehr die Lust verspüre, ihn zu fahren, dann bekommt mein Sohn ihn." Andreas Krause hält kurz inne und ergänzt dann lachend: "Aber – das dauert noch!" Die Perle aus dem Pott ist eben ein echtes Generationenauto. Klein, blau und auffallend gut.