Die ersten VW Golf I für die DDR gingen am 13. Januar 1978 von Wolfsburg nach Ost-Berlin auf Reisen.
Manilagrün, Miamiblau, Malagarot, Dakotabeige oder Panamabraun – sie trugen Namen, die von der großen weiten Welt träumen ließen. Am 13. Januar 1978 hielten sie in der DDR Einzug. Auf Zügen kamen sie zu Hunderten ins Land. Insgesamt sollten es Zehntausend werden, die da aus dem Westen anrollten. Jedoch ganz nach Plan. Was nach agitatorischem Coup des „kapitalistischen Auslands“ klingt, war das Ergebnis eines höchst offiziellen Vertrages zwischen Ostberlin und Wolfsburg: 10.000 Volkswagen Golf sollten in die DDR geliefert werden. Damals ein spektakuläres Großgeschäft – und der erste große Autohandel zwischen den beiden deutschen Staaten.
Toni Schmücker, der damalige Vorstandsvorsitzende der Volkswagenwerk AG, hatte Ende 1977 persönlich das Geschäft mit dem DDR-Handelsunternehmen VE AHB (Volkseigener Außenhandelsbetrieb) Transportmaschinen Export – Import abgeschlossen. Am 24./25. November 1977 wurde vertraglich festgelegt, dass insgesamt 10.000 VW Golf per Bahntransport an eben jenes Ostberliner Unternehmen geliefert werden.
Parallel dazu wurde ein Einkaufsrahmenvertrag mit der DDR geschlossen. Volkswagen verpflichtete sich damit, der DDR Waren im Wert von 90 Millionen D-Mark abzunehmen. Den zweiten Teil des spektakulären Großgeschäftes brachte schließlich Vorstandsmitglied und Volkswagen Chef-Einkäufer Horst Münzner in trockene Tücher: Die 10.000 DDR-Golf wurden durch Kompensationslieferungen technischer Güter – darunter Großpressen, Erdöl, Scheinwerfer und die technische Ausstattung des Wolfsburger Planetariums – bezahlt. Auch Naturalienpakete mit Dresdner Stollen und Thüringer Bratwürsten für die Wolfsburger Kantine sollen im Kompensationsgeschäft enthalten gewesen sein.
Wolfsburger Know-how goes East
Wie hier mit einem der späteren Autozüge, wurden bis Juli 1979 Golf in die DDR geliefert.
Aber mit den Automobil-Lieferungen von Wolfsburg nach Ostberlin allein war es nicht getan: Zeitgleich mit dem Liefervertrag wurden nämlich auch die Bereiche Kundendienst, Garantie und Ersatzteile geregelt. Extra für die neuen Golf Fahrer wurden insgesamt 16 Werkstätten vom VEB Imperhandel eingerichtet. Verteilt auf die Bezirke der DDR sollten für die 10.000 West-Fahrzeuge auch fachgerechter Kundendienst gewährleistet werden. Dazu wurde aus Wolfsburg nicht nur Ausrüstung und Ersatzteile zur Verfügung gestellt, auch Fachwissen wurde in den Osten transferiert: Verkaufspersonal und Kundendienstmitarbeiter wurden von Volkswagen geschult und mit den Wolfsburger Produkten, wie z.B. Ersatzteilen, vertraut gemacht. Zudem wurde im Raum Frankfurt (Oder) ein umfangreiches Konsignationslager eingerichtet, das Ersatzteile im Volumen von 500.000 DM umfasste.
Grenzgänger im Zeichen der Wolfsburg: Und so rollten am 13. Januar 1978 die ersten Autozüge gen Berlin. Ende Februar 1978 waren bereits 2.100 Fahrzeuge ausgeliefert. Weitere 1.050 VW Golf sollten im März folgen, angedacht waren weitere Teillieferungen in ähnlicher Auflage. Schließlich erreichten Ende Juli 1979 die letzten Golf die Hauptstadt der DDR.
Bei den für die DDR bestimmten Fahrzeugen handelte es sich vor allem um Golf I Modelle mit kleinerer Motorisierung. Beim Golf konnten die Käufer in der Deutschen Demokratischen Republik tatsächlich wählen: zwischen zwei Benzinern mit 37 kW (50 PS) oder 51 kW (70 PS) und einem Diesel mit 37 kW (50 PS) sowie zwischen einem Modell mit zwei oder vier Türen. Dazu kam das neue West-Auto in bereits erwähnten internationalen Reiselust-Farben daher. Die staatliche Verkaufsorganisation VEB Imperhandel und IFA-Vertrieb übernahmen den Verkauf der Fahrzeuge.
Ein Auto für die Arbeiterklasse
Der DDR-Golf aus dem Volkswagen Classic Fahrzeugpool im alten Grenzgebiert während der Sachsen Classic Rallye.
Entgegen üblicher Handhabe waren die eingekauften Fahrzeuge aus dem deutschen Westen keineswegs nur hohen Funktionären oder Begünstigten des Regimes vorbehalten. Im Gegenteil: Die Volkswagen sollten gerade der normalen Bevölkerung zugute kommen. Bevorzugt wurden hierbei allerdings Kunden aus der Arbeiterklasse. „Das SED-Experiment, dem DDR-Volk via Wolfsburg auf die Räder zu helfen, ist noch kein Vierteljahr alt, da sind die ohnehin dunklen Regeln, nach denen Ost-Berlin das Golf-Spiel betreibt, noch undurchsichtiger geworden“, kommentierte hierzu der SPIEGEL in der Ausgabe 8/1978. Bereits im Februar 1978 hatte die DDR-Führung den Verkaufspreis des Golf, der anfänglich zwischen 28.000 und 36.000 Ost-Mark lag, um ein Drittel gesenkt.
Die Gründe für die Preissenkung waren vielschichtig. So waren es „offenbar massive Proteste von DDR-Werktätigen, die beim Partei- und Staatsapparat gereizt nachfragten, ob der Golf denn wirklich nur für Reiche und Bonzen importiert werde“, ein langfristiges „wirtschaftspolitisch-strategisches Konzept“ und der Aspekt, dass schon seit Langem „die Ost-Berliner Staats-Ökonomen mit der DDR-eigenen Pkw-Produktion höchst unzufrieden“ seien, fasste der SPIEGEL zusammen. Was tatsächlich zur deutlichen Preissenkung auf 22.000 bis 26.000 Ost-Mark führte, interessierte die Käufer letztlich nicht – für Tausende DDR-Bürger bedeutete es schlichtweg, dass sie sich einen echten Volkswagen Golf leisten konnten.
Panamabraune Träume unter Hammer und Zirkel im Ährenkranz: Wenn Ihnen also ein ehemaliges DDR-Kind heute mit verklärtem Blick von Familienreisen im VW Golf I vorschwärmt, handelt es sich nicht um Wunschfantasien. Und es ist auch kein Indiz für das Aufwachsen in einer DDR-Funktionärsfamilie. Es sind reale Kindheitserinnerungen. Wenn auch die Reisen dieser Golf Familien meist „nur“ zwischen Ostsee und Balaton stattfanden – sie wurden immerhin in exotischem Panamabraun unternommen.