Catwalk von B nach B

Miau, miau. Mit dem Scirocco White Cat für Volkswagen Classic bei der creme21 youngtimer rallye 2017

Es ist ein langer Catwalk, der vor uns liegt: knapp 1.100 Kilometer, einmal quer durch Deutschland. Von B wie Bielefeld nach B wie Berlin. Wir haben viel vor. Wir, das Team mit der Startnummer 142 im Scirocco White Cat. Und drei andere automobile Mitstreiter im Volkswagen Classic Team: ein Erdbeerkörbchen, ein Polo G40 und ein Fridolin. Und dazu etliche andere – insgesamt gehen 230 Fahrzeuge auf große Tour in Orange. Das kann ja heiter werden. Versprochen. Wir starten schließlich bei der creme21 youngtimer rallye.

Inspiriert von der Pflegeserie der Siebziger, deren Verpackungsdesign das bunte Lebensgefühl der damaligen Zeit widerspiegelt, riefen einst drei autobegeisterte Jungs eine Rallye ins Leben, die heute selbst Kult ist. Nur, dass nach 15 "Cremes" die Ausmaße der Tour deutlich gewachsen sind: Immerhin bilden in diesem Jahr 230 Teilnehmer und zahlreiche Service-Fahrzeuge einen stattlichen Rallye-Tross.

 

Die Kultveranstaltung in immerhin 16. Auflage lädt in diesem Jahr nach Ostwestfalen. Am Lenkwerk in Bielefeld steht Fahrzeug an Fahrzeug an diesem stürmischen Septembertag: 1970er- und 1980er-Baujahre, einige auch aus den Sechzigern und Neunzigern, viele bunt dekoriert oder knallig ausstaffiert, andere glänzend originalgetreu, alles geliebte Schätzchen. Eine Ausstellung, die das Herz hüpfen lässt. Orangefarbene Farbtupfer überall: Hüte, Shirts, Nagellack, Autos. Bevor Sie der Autorin jetzt einen Farbtick unterstellen: Orange ist die Farbmarke der creme21 youngtimer rallye. Angelehnt an die seinerzeit populäre Kosmetikserie mit dem gleichen Namen, spiegelt diese Farbe das Lebensgefühl der 1970er- und 1980er-Jahre wider. 

 

(K)ein Katzensprung: Volkswagen Classic 1.100 Kilometer unterwegs bei der creme21 youngtimer rallye 2017

 

Familie Orange

Vom Start weg sind die "Cremisten" eine große Familie mit einem orangefarbenen Namensschild. Großes Hallo, Wiedersehensfreude, denn viele der Teilnehmer sind Wiederholungstäter. Oder wie ein Teilnehmer achselzuckend anmerkt: "Einmal 'Creme' – immer 'Creme'!" Fröhlich geht's bei der technischen Abnahme zu. Beim ersten Spiel – pardon, der ersten Wertungsprüfung – der 2017er-Creme ebenso. Zumindest, wenn man beim großen Scrabble ein paar Punkte holt. Spätestens bei der Begrüßung der etwa 500 Teilnehmer wird klar – das ist die größte creme21 aller Zeiten. 

 

Weiße Katze auf Tour mit Fridolin, Erdbeerkörbchen und kleinem Wolfswagen

Am nächsten Morgen geht's auf Tour: 230 Teams starten im 60-Sekunden-Takt. Das Volkswagen Classic Team geht geschlossen an den Start. Im Scirocco II White Cat von 1985 heißt es ab sofort "Miau, miau!". Zwei Ladies in White gehen hier an Bord, um hinterher über dieses cremige Abenteuer zu schreiben. Dasselbe treibt auch das Team 141 im Cockpit des Polo II G40 von 1992 an. Im roten Erdbeerkörbchen mit der Startnummer 143 sitzen schon jetzt zwei Gewinner: Im Golf I Cabriolet von 1986 gehen zwei Fans an den Start, die im letzten Jahr mit ihrem GTI Teil der Sonderausstellung im Rahmen des Oldtimermeetings Baden-Baden waren und diese Rallye-Mitfahrt gewonnen hatten. Dahinter folgt ein absoluter Exot: ein Volkswagen Typ 147. Der Fridolin von 1969 startet als Servicefahrzeug und Teilnehmer zugleich. Zusammen mit dem hilfsbereiten Volkswagen Classic Serviceteam ist der knuffige Klassiker mit der Startnummer 228 vom Start weg einer absoluter Sympathieträger. Es macht Freude, mit diesem bunten Kleeblatt bei der creme21 youngtimer rallye auf Tour gehen zu dürfen. 

 

 

 

Positiv geprüft: creme21 wirkt auch 2017

Los geht's. Alexander Mrozek, einer der creme21-Initiatoren, schickt jedes Team persönlich auf die Strecke. Lob gibt's auch für die Detailtreue. Viele Cremisten kleiden sich entsprechend ihren Fahrzeugen. Und so hat auch das Team White Cat diverse Achtziger-Accessoires am Start, inklusive originaler Jeanslatzhose und gewöhnungsbedürftiger seitlich wippender Haarpalme. Aber – was tut man nicht alles für den Job … Wir starten endlich durch. Mit Alex' optischer Anerkennung grinst sich's derweil im Cockpit hinter der weißgoldenen Sonnenbrille gleich noch besser.

 

Überhaupt wird hier in den kommenden Tagen viel gelacht. Während so manch andere Rallye einen hohen Anteil an angespannt-verbissenen Gesichtern aufweist, kann man der Creme attestieren: Sie wirkt. Es sind geprüft positive Inhaltsstoffe, die über fünf tolle Tage hinweg auf Teilnehmer und Crew einwirken. Endorphine sind auf alle Fälle drin, in der creme21 youngtimer rallye.

 

Von Ostwestfalen in die Hauptstadt

Über sieben Etappen hinweg zieht der Rallye-Tross nun vier Tage lang durchs Land: von Ostwestfalen über Niedersachsen nach Thüringen, durchs Vogtland und Erzgebirge, von Sachsen in den Spreewald und schließlich in die Hauptstadt. Das Roadbook führt 230 Teams quer durch Deutschland, und das vorzugsweise über kleine Straßen. In den Cockpits große Freude über die wieder einmal perfekt ausgearbeitete Strecke. Die weiße Katze schnurrt durch Einbeck, Suhl, Eisenach oder Radebeul, miaut kurz zum Schloss Moritzburg hinüber und streunt auf der Augustusburg herum und genießt schließlich Hauptstadtflair.

 

Auf du und du mit Neuärgerniß und Stangengrün

Wenn auch auf mitunter recht holprige Art kommen wir durch verwunschene und uns zum Großteil gänzlich unbekannte Ecken des Landes. Wie zum "Geyer" findet der Streckenbeauftragte Martin Vorwahl nur immer derartige Wege, die uns "Potzwendend" nach der "Kalten Schenke" ein "Neuärgerniß" bescheren, uns durch "Stangengrün" zum "Posen" verleiten und nach "Calauern" suchen lassen? Ist "Leibsch" die Lautsprache für Leipzig und wieso heißen so viele Orte Wendepunkt? Hm. "Allzunah" erscheint uns der erste Creme-Tag mit fast 400 Kilometern allerdings nicht. Aber eine echte Katze beißt sich auch nachtblind durch Sturm, Regen und mit Baumteilen übersäte dunkle Serpentinen. Immerhin: Die nächsten Tage und Etappen sind sonniger, das erhöht den Spaßfaktor. Es ist wie eine Sightseeing-Tour auf halbeigene Faust. Miau. Das macht Spaß.

 

Wenn beim Fummeln im Dunkeln Fingerspitzengefühl fehlt und Blasen atemlos macht

Ein durchaus ambivalentes Verhältnis zum Spaß bzw. zum eigenen Ehrgeiz bringen die insgesamt knapp 20 Wertungsprüfungen auch mit sich. Mal steht man goldrichtig auf Matten und mal hat man in Sachen Mainzelmännchen, Lego und Co. einfach null Peilung. Bei der legendären Kofferfrage kann man schon mal den Tannenwald vor lauter Duftbäumen nicht sehen. Aber 21 Sekunden sind auch verdammt kurz. So ist das bei der Creme: Man kann sich auf nichts vorbereiten. Die Spiele sind einzigartig. Als Test fürs nächste Jahr könnten Sie sich natürlich auch schon mal als Darkroom-Schrauber versuchen: Probieren Sie, mit je einer Team-Hand in einem Poloshirt-Ärmel steckend, blind zweiteilige Schraubverbindungen, Tuben und anderes korrekt zusammenzufrickeln – da passt dann plötzlich auch das Heizungsventil auf eine Cremetube. Gibt allerdings null Punkte. Oder versuchen Sie mal – wie wir in Einbeck beim "Blasen in der Milchbar" –, einen Luftballon nur durch Festhalten mit den Lippen so aufzupusten, dass Sie damit einen Plastikbecher anheben und sicher auf einer leeren Getränkekiste abstellen können. Wenn Sie es schaffen – Glückwunsch! Nützt Ihnen nur nichts im nächsten Jahr, denn da hat sich die kreative creme21-Crew schon wieder etwas Neues ausgedacht. Hatte dann ja ein Jahr lang Langeweile.

 

Auf die cremige Art: Der Weg ist das Ziel

Genau das macht die creme21 so besonders: Der Spaßfaktor ist hoch. Wer hier zu ehrgeizig ist, verbissen Gas gibt und sich anzickt, ist bei der falschen Veranstaltung. Denn hier genießt man – und hat über 1.000 Kilometer Zeit dazu. Da grüßt der UPS-Fahrer den Fridolin. "Erdbeerkörbchen!"-Rufe ertönen vom Gartenzaun und es wird herzlich gewunken. Bewundernde Blicke folgen einem im Scirocco White Cat, wenn man stilecht durch den Drive-Inn einer Fastfood-Kette fährt und lässig an der Dorfjugend vorbeicruist, die sich auf dem Parkplatz versammelt hat. Der Polo II G40 zeigt allen, wie wendig sich so ein kleiner Wolfswagen durchs Gebirge beißen kann. Man winkt Käfern, Golf, Typ 3. Und andere Teilnehmer halten an – immer und markenübergreifend –, wenn der White Cat mal wieder am Straßenrand steht, weil die Besatzung in Weiß Fotos macht: "Braucht ihr Hilfe?" Man grüßt, man freut sich, man hilft – egal, wer was fährt. Am Abend gibt es Eierlikör für alle aus Flower-Power-Käfer "Rostwitha". Der Weg ist das Ziel. 

 

Einmal eingecremt kommt man schwer wieder los. Wir sehen uns also im nächsten Jahr.

 
16. creme21 youngtimer rallye
13. bis 17. September 2017 / Bielefeld - Suhl - Radebeul - Berlin
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