Ein Karmann in Korea

Ein Exot aus Osnabrück in Seoul: Ulrich Brinkhoffs Karmann Ghia Typ 34 von 1964

1964 holte ich meinen nagelneuen Karman Ghia Typ 34 in Osnabrück ab. Dazu nutzte ich meinen Heimaturlaub, bevor es nach Dienst in der Deutschen Botschaft in Sierra Leone nach Südkorea ging. Es hatten mir zwar alle Kollegen von meinem Karmann abgeraten, weil damals in Korea Benzin nur aus Japan importiert wurde, aber ich ging das Wagnis ein – und habe es nie bereut.

 

Und so verfrachtete ich meinen Volkswagen per Schiff ab Hamburg nach Incheon. Mein weißer Ghia kam heil an und ich habe während der 14 Monate, die ich in Seoul an der Botschaft arbeitete, viel mit ihm erlebt. Ein Volkswagen Karmann Ghia war ein absoluter Exot in Südkorea, genauer gesagt: Meiner war der einzige.

 

Standesamt oder Schotterpiste: ein Volkswagen für alle Fälle

Seinen ersten Sondereinsatz hatte mein Karmann Ghia auf Bitten meines koreanischen Arbeitskollegen. Er wollte von mir unbedingt zum Traualtar gefahren werden, denn den weißen Cadillac, den es auch in Seoul gab, konnte er sich nicht leisten. Ihm und seiner Braut reichte die schmale Rückbank meines Ghia, und so erfüllte ich ihm den Wunsch und es wurden hinten mehr als 50 Blechdosen an die Stoßstange geknotet.

 

Mit dem Volkswagen und meiner koreanischen Freundin SooRyun ging es auf Reisen: von Seoul nach Gangneung an der Ostküste Koreas, mit 250 Kilometern Schotterstraßen ans Japanische Meer, durch ein Gebirge mit vielen Schluchten und fehlenden Brücken, die einem Jahrhunderthochwasser einige Wochen vorher zum Opfer gefallen waren. Am Meer wollten wir zelten. Doch gerade hatten wir alles aufgebaut, da erschienen mehrere Jeeps und das Militär forderte uns auf, das Zelt wieder abzubauen, da es dort nachts zu gefährlich sei. Es könnten nordkoreanische Spione anlanden und dann würde geschossen werden. Aber zunächst wollten sie unser Auto bestaunen und einer der hochrangigen Uniformierten erbat, auch mal kurz fahren zu dürfen. Weil ich es ihm erlaubte und er mir gestand, nie vorher einen solchen "Volkswagen" gesehen zu haben, brachte man uns anschließend persönlich zu einem richtigen Militär-Lagerplatz mit Außengrill und Spielwiese, wo wir unser Zelt aufbauen durften.

 

Überraschungsmotor im Kofferraum

Einmal kamen wir nachts bei Regen von einer Party zurück und gerieten in eine Polizeikontrolle. Ein Polizist nahm meine Papiere und verschwand in einem Bus, SooRyun musste aussteigen und wurde von einer Polizistin abgetastet. Dann forderten zwei Uniformierte mich auf, die Kofferraumklappe zu öffnen – und zeigten nach hinten. Sie hatten hier keinen Motor erwartet, gaben das aber nicht zu, die vordere Klappe brauchte ich danach jedenfalls nicht mehr zu öffnen. Sie diskutierten stattdessen ausgiebig über den gefundenen Motor im Heck. Sehr freundlich wurden uns die Papiere zurückgegeben und uns ein schöner Abend gewünscht.

 

Ein Karmann Ghia als Globetrotter

Ich habe meinen Volkswagen 1965 zu meinem nächsten Auslandseinsatz im damaligen Saigon in Vietnam mitgenommen. Und so blieb er bis heute der einzige Karmann Ghia, der je in Korea gefahren ist.

 

In Vietnam gab es nur einen Ausflug. SooRyun, nun meine Ehefrau, und ich wollten die andere Seite des Saigonflusses erkunden. Das andere Ufer war aber mehr ein tropischer Dschungel, der Weg wurde immer matschiger und immer schmaler, rechts und links befanden sich schließlich nur noch Reisfelder. Dann tauchte ein Dutzend Kinder auf und bewarf uns mit Steinen. Fünf Minuten mussten wir im Rückwärtsgang flüchten. Amerikanische Freunde hatten uns ohnehin für leichtsinnig erklärt und uns vor dem Vietcong gewarnt. Meinen Chef kostete so ein Ausflug sein Leben: Er wurde von jugendlichen Vietcong erschossen, seinen VW Käfer fand man mit noch laufendem Motor und offenen Türen. 

 

Meinen Karmann Ghia Typ 34 habe ich später an einen amerikanischen Offizier verkauft, der ihn von Saigon aus mit in die USA nahm – ein Volkswagen mit internationaler Geschichte also.

 

 

 

(Mehr zur Geschichte des Karmann Ghia finden Sie im Buch von Ulrich Brinkhoff: "Träume in der Morgenstille", erschienen im Agenda-Verlag Münster/Westf.)