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Die ganze Wahrheit über den Nordstadt-Käfer

Der legendäre Carrera-Käfer vom Autohaus Nordstadt in Hannover war die perfekte Synthese aus Volkswagen, Porsche und VW Porsche – und ein Traumauto einer ganzen Generation.

„Wenn der Fahrer eines mit 160 km/h dahinrollenden Mercedes 350 SE oder eines Dreiliter-BMW im Rückspiegel einen VW-Käfer ausmacht, ist dies für ihn in den meisten Fällen kein Grund, auf die rechte Spur überzuwechseln. Ganz im Gegenteil kann der Käfer-Fahrer damit rechnen, daß nun das Gaspedal weiter durchgetreten wird, um der Potenz des Hintermanns auf die Spur zu kommen – ein Bemühen, das jedoch zur grenzenlosen Verblüffung auch stark motorisierter Autobahn-Benutzer meist ohne Erfolg bleibt. Wenn sie in der Erwartung, des Guten nunmehr genug getan zu haben, bei 180 km/h die Überholspur freigeben, zieht der Nordstadt-Käfer kräftig beschleunigend vorbei, wobei eine aus den Auspuffrohren dringende, kleine Ölwolke dem Überholten zeigt, daß gerade in den nächsten Gang geschaltet wurde."

Kraftkäferei aus Hannover:

Der Nordstadt-Käfer zeigt, wo der Hammer hängt.

 

Der Kalender zeigt Freitag, den 13. Oktober 1973, als dieser etwas kryptisch anmutende Text mitten in die ölkriselnde Bundesautorepublik platzt. Er ist Teil des fünfseitigen Artikels in auto motor und sport, der unter der schlichten, gleichsam treffenden Hauptzeile „Kraftwagen" rangiert. Und innerhalb weniger Wochen dafür sorgt, dass der Begriff Traumauto eine neue Definition erhält. Denn er handelt vom „Carrera-Käfer" des vorwitzigen Volkswagen Händlers Autohaus Nordstadt, Vahrenwalder Straße, Hannover. Also vom Standard der basischen Volksmotorisierung jener Jahre, befeuert mit dem Sechszylinder-Boxer des schnellsten deutschen Seriensportwagens.

Es ist nicht der erste Kracher, den die Hannoveraner gemäß Initiative und Ideengabe ihres etwas anarchisch gepolten, indes höchst innovativen Vertriebschefs Günter Artz auf die Räder stellen: Den Urknall unter den rasenden PR-Feuerwerken in eigener Sache hatte dessen persönlicher Typ-3-Karmann-Ghia mit sechstöpfigem Luftboxer des Chevrolet Corvair im Achterteil markiert, dem war 1969 der „Nordstadt-Express", ein silberfarbener VW 411 mit Porsche-911-Motor, gefolgt. Doch verglichen mit dem, was noch kommen sollte, waren das alles bestenfalls Nerven schonende Dehnübungen.