Der Exot mit der
schönen Schnauze

45 Jahre Volkswagen 412

Oft öffnet sich der Blick für Perfektion erst in der Rückschau. Beim Volkswagen 412 ist das nicht anders. Im Gegenteil: Durch die Brille der Jetzt-Zeit betrachtet, handelt es sich beim 412 zweifellos um die technisch höchste Entwicklungsstufe des klassischen Käfer-Antriebskonzepts, das sich schlagwortartig mit den Eckdaten "luftgekühlter Boxermotor hinter angetriebener Hinterachse" zusammenfassen lässt.

Allerdings haben die Erbauer der 4,55 Meter langen, wahlweise zwei- oder viertürigen, "Typ 4" genannten Limousine, die wenig später auch als Kombiversion "Variant" erscheint, bei ihrer Premiere – anders als noch beim Typ 3 – ein modernes Fahrwerk und erstmals eine selbsttragende Karosserie spendiert, die ohne Rahmen und Mitteltunnel auskommt.

 

Stilvolles Intermezzo: 45 Jahre Volkswagen 412

 

Kerniger Boxer-Sound

In Bewegung versetzt wird dieses Technikpaket de luxe von einem zunächst auf 1.679 ccm Hubraum aufgebohrten Flachboxermotor, dessen in bester Porsche-Manier kernig daherbrüllender Sound wahren Kennern automobiler Klassik bis heute die Nackenhärchen aufstellt. Er bringt es anfangs auf 68 PS (50 kW), ab 1973 als 1,8-Liter-Aggregat auf 75 PS (55 kW) Leistung.  

Ursprünglich angetreten war der Typ 4, der – der numerischen Logik der Modellbezeichnungen der Marke folgend – offiziell auf die Verkaufsbezeichnung "411" hörte, um als "Großer Volkswagen" das Tor ins Fahrzeugsegment der gehobenen Mittelklasse aufzustoßen. Das Problem: In dieser Klasse tummeln sich seinerzeit bereits die Modelle einiger US-Wettbewerber, die auf viele Zeitgenossen auf den ersten Blick offenbar attraktiver wirken.

 

1972: Facelift im Stile des schönen SP2

Für das Modelljahr 1973 verordnet Volkswagen Boss Rudolf Leiding dem 411 daher ein Modellpflege im Stile des von ihm höchstpersönlich mitentworfenen und betörend schönen brasilianischen Coupés Volkswagen SP2. Ein Facelift im wortwörtlichen Sinne, das dem nunmehr "412" genannten Modell eine flache Schnauze nach Vorbild des brasilianischen Beaus einträgt. Der durchaus liebevoll gemeinte Kosename "Nasenbär" für den 411 ist passé.

Auch die Werbung setzt auf die neue Optik des altbekannten Autos. Nicht von ungefähr lautetet der Slogan der Stunde: "Ein neues Gesicht bei VW. Und seine Variante." Trotz der umfassenden gesichtskosmetischen Maßnahmen wird aus dem Fahrzeug, das ab August 1972 als Volkswagen 412 das deutsche Straßenbild bereichert, keine rassige Sportlimousine.

Auch die Heckpartie des 412 wird im Zuge der Modellpflege überarbeitet: Die Rückleuchten sind nun höher angeordnet, das Markenemblem findet seinen Platz fortan auf der nunmehr stärker abfallenden Vorderhaube statt zentral auf dem Frontblech.

Die Doppelscheinwerfer finden jetzt in rechteckigen statt ovalen Rahmen ihren Platz. Holzmaserungsimitat auf der Armaturentafel versprüht optische Eleganz und Wertigkeit. Ab August 1973 ersetzt ein Doppelvergaser die elektronische Einspritzanlage von Bosch, die maximale Motorleistung beträgt nun 85 PS (63 kW), was 150 D-Mark extra kostet.

 

Paradigmenwechsel: Der Passat wirft seine Schatten voraus

Zur Zeit des Modellwechsels hin zum 412 wirft jedoch bereits der Passat seinen übergroßen Schatten voraus, mit dem schließlich der aus produktionstechnischen und wirtschaftlichen Gründen überfällige Paradigmenwechsel hin zum wassergekühlten Frontmotor vollzogen wird. Mit seiner Premiere im Jahre 1973 nimmt der Passat B1 das in seinen Grundzügen bis heutige gültige Konstruktions- und Fertigungsprinzip jedes "modernen" Volkswagen vorweg.

Folglich muss der Typ 4 im Werk Wolfsburg bald dem heutigen Übervater aller Mittelklassemodelle weichen. Das hindert wahre Liebhaber jedoch nicht daran, heute in einen der verbliebenen Volkswagen 412 zu investieren. Erhaltene Exemplare haben angesichts einer für Wolfsburger Maßstäbe überschaubaren Gesamtauflage von 355.200 Exemplaren heute eher Seltenheitswert – und sind unter Volkswagen Klassiker-Fans entsprechend begehrt.

 

Vom Nebendarsteller zum automobilen Star

Dem 412 ist kein langes Modell-Leben beschieden. Im August 1973 wird die 412-Produktion von Wolfsburg ins Volkswagen Werk Salzgitter verlagert, ehe dort schließlich im Juni 1974 die Fertigung eingestellt wird.

Somit verlässt das technisch wohl aufwendigste Volkswagen Modell, das je nach dem klassischen Volkswagen Konstruktionsprinzip gebaut wurde, die große automobile Bühne, auf der ihm Zeit seines Modell-Lebens der ganz große Applaus verwehrt blieb. Insofern scheint es nur angemessen, dass der Volkswagen 412 heute der heimliche Star so mancher Oldtimer-Ausfahrt oder Klassik-Rallye ist und dabei das Blitzlichtgewitter sichtlich genießt.